Wie sich Backpacker im teuren Zürich durchschlagen

Wie sich Backpacker im teuren Zürich durchschlagen

Unterwegs mit einem jungen Paar aus Amerika und einer Interrailerin aus den Niederlanden, die sich gegenseitig Tipps geben. Zum Beispiel, einen WLAN-Router zu mieten.

Auf dem Lindenhof verkündet Reiseführer Julien seinen besten Tipp, um in Zürich Geld zu sparen. Er läuft zum Brunnen. Er öffnet seine PET-Flasche. Er hält sie unter den Strahl. Und dann – endlich – erlabt er sich unter dem Applaus der Touristinnen und Interrailer am Zürcher Wasser. «It’s free», sagt er. Gratis!

Das ist kein schlechter Witz. Das ist Backpack-Reisen im Jahr 2022 in der zweitteuersten Stadt der Welt (nach Hongkong), in der die aktuellen Währungskurse die Situation für die Touristen zusätzlich verschärfen.

«Mit tiefem Budget Zürich zu erkunden, ist, wie nüchtern in Las Vegas Ferien zu machen», heisst es in einem Reise-Blog. «Unmöglich.» Im Internet überbieten sich Backpacker mit Tipps, um in der Stadt zu überleben. Etwa: im Denner kurz vor Ladenschluss noch einen reduzierten Salat ergattern.

Und die gedruckten Reiseführer mahnen: JA NICHT zu schnell fahren, schon ein Stundenkilometer zu viel kostet 40 Franken. JA NICHT die mobilen Daten einstellen auf dem Smartphone.

Machen Ferien in Zürich so überhaupt noch Spass?

Supermarkt statt Restaurant

Am Montagmorgen um 11 Uhr startet die Free Walking Tour mit Julien Weissenberg. Er hat den Verein mitgegründet, der täglich eine Führung durch die Altstadt organisiert. Am Schluss bezahlt jeder, was er will. Oder auch gar nichts.

Knapp vierzig Touristinnen und Backpacker versammeln sich vor der Credit Suisse am Paradeplatz. Dieuwertje Roks aus Breda in den Niederlanden ist am Sonntag mit dem Zug angereist. Hinter ihr liegen drei Jahre Psychologie-Bachelorstudium, vor ihr fünf Wochen Interrail durch Europa. Zum ersten Mal reist sie allein. «Ich habe bis jetzt nur für das Bett im Hostel und für Essen im Supermarkt Geld ausgegeben», sagt die 20-Jährige.

Gestern sei sie bei der Chinawiese von einem Mönch angesprochen worden. «Ihm fiel meine Halskette auf», sagt Roks. Die vier Elemente sind auf dem Emblem skizziert. «Machst du Yoga?», fragte der Mönch und lud sie in einen Tempel ein. Die Zeremonie sei «amazing» gewesen, sagt die Backpackerin. Am Abend habe sie sich beim Bellevue an den See gesetzt. «Eine Band spielte Songs von AC/DC. Alle tranken Wein und tanzten. Ist das hier normal?»

Doppelzimmer im Zweisternhotel für 147 Franken die Nacht 

Ebenfalls auf der Free Walking Tour ist ein Paar aus Los Angeles. Julien Beuzieron trinkt Kokosmilch und erzählt, dass er seinen Job als Eventmanager gekündigt habe, um zwei Monate in Europa herumreisen zu können. Seine Partnerin Justine Lieberman löchert den Tourguide mit Fragen. Etwa: Sind die Schweizerinnen zufrieden mit ihrem politischen System?

Eigentlich wollten Lieberman und Beuzieron vor allem nach Interlaken und gar nicht nach Zürich. Weil ihr Flug von Athen hier landete, bleiben sie dennoch für zwei Nächte. Untergekommen sind sie im Zweisternhotel Limmathof beim Central. Das Doppelzimmer kostet 147 Franken pro Nacht. Statt Klimaanlage gibt es einen kleinen Ventilator. «Ich muss immer wieder kalt duschen», sagt der 30-jährige Beuzieron. Aber es sei das beste Angebot gewesen.

Die Free Walking Tour endet beim Grossmünster mit einer kleinen Schweizerdeutsch-Lektion: Grüezi. Danke. Tschau. Justine Lieberman und Julien Beuzieron aus den USA wollen anschliessend den Karlsturm besteigen. Fünf Franken pro Person. 187 Stufen. Beuzieron keucht und entdeckt Spinnweben und Sprayereien im Treppenhaus (Kunst von Harald Naegeli).

Schliesslich kommen die beiden oben an – und sind etwas enttäuscht. Denn ein Gitter trübt die Aussicht. Die Glarner Alpen und der See funkeln seit zwei Jahren aus Sicherheitsgründen nur noch hinter Metallornamenten. Julien Beuzieron rüttelt erfolglos daran. Justine Lieberman streckt die Kamera durchs Gitter. Vielleicht fühlen sich so Ferien in Zürich mit kleinem Budget an. 

Später laufen die beiden über die Münsterbrücke. Lieberman erzählt vom Golden-Pass-Zug, den sie in den nächsten Tagen nehmen wollen: vorbei an Seen und Bergen von Luzern nach Interlaken. Ihr Partner sagt: «Es ist zu teuer.» Mehr als 30 Franken pro Person. Kurze Ernüchterung. Danach füllen sich die beiden am Hiltl-Buffet die Teller.

Der WLAN-Router für unterwegs

Und was sind nun die ultimativen Spartipps für Zürich? In der Touristen-Information am Hauptbahnhof müssen sie das wissen. Beim Warten fällt ein aufgelegter Prospekt für einen mietbaren WLAN-Router auf. «Das Angebot wird gut genutzt», sagt Sebastian Kober von Zürich Tourismus, als der Schalter frei wird. 70 Franken kostet der Router pro Woche. Für viele günstiger als die Roaming-Preise.

Sebastian Kober kreist auf einer Stadtkarte Orte ein, die für Backpacker interessant sind. Besonders lange verweilt er mit seinem Edding in Wollishofen: Landiwiese, Jugendherberge. Seine Kollegin rollt mit dem Stuhl dazu und sagt: «22 Stutz für eine Flasche Rosé in der Roten Fabrik – unschlagbar.» Touristinnen mit kleinem Budget empfehle sie oft auch die Äss-Bar für günstiges Gebäck sowie das Vierertram für eine Stadtrundfahrt. Und auch das Café Yucca, das eigentlich primär Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und ohne Obdach anspricht.

Der Chef der beiden Touristiker empfängt am nächsten Tag in seinem Büro. Thomas Wüthrich ist seit Anfang Jahr Direktor von Zürich Tourismus. Interessieren ihn die Backpacker überhaupt? «Sehr sogar», sagt Wüthrich. Junge Reisende mit kleinem Budget kämen später oft mit ihrer Familie zurück nach Zürich. «Und sie verbreiten Bilder einer modernen Stadt auf den sozialen Medien, die wiederum andere Reisende anlocken.» 

Noch hätten die ungünstigen Wechselkurse und die Inflation keinen Einfluss auf die Anzahl Touristen in Zürich. «Die Reisenden geben das Geld aus, das sie während der Pandemie gespart haben. Sie wollen die verpassten Ferien nachholen.»

Mantras und Mitternachtsschwimmen

Dieuwertje Roks, die Interrailerin aus den Niederlanden, hat in zwei Tagen Zürich bislang etwa 160 Franken ausgegeben. Das Bett im Dreibettzimmer im Old Town Hostel Otter beim Bellevue kostete gut 50 Franken pro Nacht – mit Abstand der grösste Budgetposten ihres Zürcher Aufenthalts. Unweit des Hostels sitzt die 20-Jährige am Montagabend im Schneidersitz und blickt auf den See hinaus. 

Die Zeremonie, von der sie auf der Free Walking Tour erzählt hat, fand im Hare-Krishna-Tempel am Zürichberg statt. Gläubige in orangen Gewändern wohnen dort und singen täglich 1728-mal das gleiche Mantra. Sonntags ist die Zeremonie öffentlich. «Die Mönche haben Blumen in Wasser getunkt und es über unseren Köpfen versprüht», sagt Roks. Die Einladung zum Znacht habe sie dann ausgeschlagen, weil es ihr doch ein bisschen zu viel wurde.

Stattdessen las sie beim Bellevue im Buch von Bhaktivedanta Swami Prabhupada, dem Begründer von Hare Krishna, das sie erhalten hat. Doch Roks konnte sich nicht lange konzentrieren. Vier Musiker spielten Klassiker, ein weiterer mit einer Trompete stiess dazu. «Just one big party», sagt sie. Sicher sechzig Menschen hätten miteinander getanzt und geredet.

Sie habe am Abend auch noch einen Zürcher kennengelernt. Um Mitternacht gingen sie im See schwimmen und tauschten dann die Nummern aus. «Wahrscheinlich zeigt er mir heute mit dem Motorrad noch die andere Seite des Seebeckens», sagt Dieuwertje Roks. Sie hat sich fernab der Opulenz und der 30-Franken-Pizzas ihr ganz eigenes Zürich gemacht.

Artikel im Tages-Anzeiger