Sein Auftreten überforderte das Team

Sein Auftreten überforderte das Team

Der Zürcher Regisseur Samir prägte das bankrotte Kulturhaus Kosmos. E-Mails zeigen, warum sich der 67-Jährige mit dem Kosmos-Team zerstritt. Samir betont, seit 2019 keine Führungsrolle mehr innezuhaben.

Als das Kosmos diesen Montag in Konkurs geht, ist das für den Filmemacher Samir eine «bodenlose Enttäuschung». Es klingt, als habe er gar nichts mit dem Debakel zu tun. 

Wer aber mit Involvierten über die kurze Geschichte des Kosmos redet, kommt neben dem ambitionierten Businessplan des Hauses, der weltweiten Kinokrise und der Pandemie irgendwann auch auf jenen Mann zu sprechen, der meistens nur unter seinem Vornamen auftritt: Samir. Der Buchhändler Bruno Deckert und er waren die beiden wichtigsten Gründerfiguren des Zürcher Kulturprojekts.

Wie tickt der 67-Jährige, der sich mit vielen Kosmos-Schlüsselfiguren zerstritten hat, die mit ihm zusammengearbeitet haben?

Aus Gesprächen mit 13 Personen aus dem Kosmos-Umfeld sowie E-Mails, die dieser Zeitung exklusiv vorliegen, wird klar, dass es schon früh Probleme gab: Samirs Auftreten, sein Machtanspruch und seine Alleingänge eckten an.

Noch vor der Eröffnung im Herbst 2017 muss sich Samir ein erstes Mal für sein «überhebliches und damit arrogantes Verhalten» entschuldigen, wie aus einer E-Mail Samirs vom November 2016 hervorgeht. «Meine Ungeduld führte einmal mehr dazu, besserwisserisch über die Idee der Kosmonauten zu urteilen», schreibt der Filmemacher. Er gelobt Besserung bezüglich «Umgangston und Benehmen». 

Die Situation entschärft sich aber nicht. Im Gegenteil: In den ersten Jahren des Projekts entzündet sich ein Konflikt zwischen der Kinoleiterin Marisa Suppiger und dem Regisseur, der damals auch im Verwaltungsrat der Kosmos-Kultur AG sitzt. Samir mischt sich immer wieder ins operative Tagesgeschäft ein und trifft Abmachungen mit Filmverleihern, ohne dies intern abzusprechen.

Der Streit um «Chris the Swiss»


Auf Fragen zu seiner Zeit im Kosmos antwortet Samir mit einem Statement, das er am Freitag auch auf Facebook veröffentlicht: «Ich gehörte zu den Gründern und wohl auch zu den in der Öffentlichkeit stark wahrgenommenen Repräsentanten des Kosmos. Aber es sollte allgemein bekannt sein, dass ich seit Juni 2019 nicht mehr im Verwaltungsrat der Kosmos-Kultur AG noch in der Geschäftsleitung vertreten gewesen bin und auf der operativen Führungsebene weder Einfluss geltend machen konnte noch Verantwortung zu tragen hatte.»

Samir wehrt sich auch gegen «Schuldzuweisungen» der Mitgründer Bruno Deckert und Martin Roth: «Die von ihnen verbreiteten Verunglimpfungen werden zurückgewiesen, auf anonyme Vorwürfe kann nicht eingetreten werden. Deckert/Roth sind 2020 aus allen Funktionen ausgeschieden und haben ihre Anteile verkauft.»

Konkret zeigen lässt sich Samirs Arbeitsweise bei einem von ihm produzierten Dokfilm. Im Herbst 2018 verlangt er zusammen mit der Verleiherin per E-Mail, dass der Dokfilm «Chris the Swiss» im mit modernster Technik ausgerüsteten Saal 1 des Kosmos laufen müsse, weil er die besten Startbedingungen für den Film will. Die Kinochefin Marisa Suppiger mailt der Verleiherin: «Nein, das werden wir nicht tun. Die Programmation mache nach wie vor ich. Und zwar jeweils am Montag für die kommende Woche, in Absprache mit allen Verleihern!» Gerade einmal drei Personen hätten die Vorstellung von «Chris the Swiss» am Abend zuvor besucht, schreibt Suppiger.

Darauf Samir: «Wir (Kosmos) haben dabei nichts zu verlieren. Ansonsten haben wir ein gravierendes Problem zusammen.» Um anzufügen: «Nicht nur mit mir als Kosmos-Delegierten, sondern auch noch als Produzent des Filmes.» Später schreibt er Marisa Suppiger nochmals: «In dieser Sache nun einfach stur zu bleiben, ist keine gute Idee.» 

Samir meldet sich beim damaligen Geschäftsführer Martin Roth und bittet ihn um Weisungsberechtigung gegenüber Marisa Suppiger. Diese brauche er «nur in Ausnahmefällen, weil ich gegenüber Marisa – aufgrund meines Erfahrungsschatzes von 40 Jahren – einen Vorteil besitze, den sie durch ihre einjährige Praxis im Kinobereich noch nicht haben kann».

Die gewünschte Berechtigung erhält Samir laut zwei Quellen nicht.

Die Kosmos-Leitung unternimmt mehrere Versuche, den Regisseur besser in die Kinoleitung einzubinden – es ist allen Beteiligten klar, dass Samir ein hervorragendes Netzwerk hat. Zudem habe er einen «gewaltigen Drive» und könne «Berge versetzen», so schildern es mehrere Personen, mit denen diese Zeitung gesprochen hat. Der damalige Kosmos-Aktionär und Künstler Patrick Frey sagt: «Samir ist eine sehr starke Persönlichkeit, ein Alphatier.» Er sei sehr emotional, impulsiv, heftig – «und manchmal brennt es mit ihm durch».

Doch wer ist Samir eigentlich?

In der Aktivistenszene verwurzelt

Seine ersten Jahre verbringt er in Bagdad, die Mutter ist Schweizerin, der Vater Iraker. Auf den Nachnamen Jamal Aldin verzichtet er später – er bedeutet «Schönheit der Religion». Da gefällt ihm Samir besser, übersetzt: Geschichtenerzähler. Ende 1961 kommt er als sechsjähriger Junge mit seiner Familie in die Schweiz, weil der Vater als Kommunist verfolgt wird.

In Zürich lernt er Kameramann und wird Mitglied in der Kulturgruppe des Alternativen Jugendzentrums. Bald ist er auch Teil des Videoladens, einer Genossenschaft im Kreis 4, die Filme wie «Züri brännt» produziert. Seine Partnerin ist damals die Künstlerin Pipilotti Rist. 

Samirs Filme sind humorvoll und menschlich. Mit seiner Produktionsfirma «Dschoint Ventschr» produziert er zahlreiche Filme und fördert viele Talente. In seinen dokumentarischen Arbeiten beschäftigt er sich immer wieder mit seiner Herkunft. «Iraqi Odyssey» (2014) porträtiert seine auf der Welt versprengte Familie.

Samir ist tief in der Zürcher Aktivistenszene verwurzelt – zum Beispiel ist er bei der Gründung der Alternativen Liste dabei. 1990 kandidiert er für den Gemeinderat. Ein Wahlflyer zeigt ihn mit Cap und Sonnenbrille. Politisch ist Samir noch heute. Als Russland die Ukraine angreift, organisiert er einen Aufruf an den Bundesrat, den 100 Kulturschaffende unterzeichnen. «Ich bleibe radikal, bis ich tot bin», sagt er dem Lokalmedium «Tsüri».

Seine Utopien bringt er bei Steff Fischer ein, dem Zürcher Immobilienunternehmer und Mitstreiter aus den bewegten Achtzigerjahren. Fischer vernetzt Samir mit Bruno Deckert, der den Buchladen Sphères führt.

2017 wird das Kosmos eingeweiht. Euphorie, immer noch. Deckert und Samir sind von der Lust befeuert, ihre Vision zu verwirklichen. Samir sagt dieser Zeitung auf die Frage, was passiere, wenn das Kosmos scheitere: «Dann muss die Welt untergehen.»

Geht sie nicht. Aber bei Deckert und Samir beginnt der Kosmos-Alltag. Sie streiten sich über die Beleuchtung und die Sitzbänke im Bistro. Samir stellt sich auch gegen das Vorhaben, das Zurich Film Festival (ZFF) im Kosmos zu beherbergen, obwohl die Verträge kurz vor dem Abschluss stehen. Er ist nicht grundsätzlich dagegen, aber sorgt sich in einer E-Mail an die damalige ZFF-Geschäftsführerin Nadja Schildknecht um das Profil des jungen Kulturhauses. Er fürchtet, es könnte kurz nach der Eröffnung zur Abspielstelle des Festivals werden.

Obwohl er mit dieser Meinung im Kosmos allein ist, schlägt Samir vor, im Kosmos bloss den ZFF-Dokumentarfilmwettbewerb zu zeigen. «Dokumentarfilmregisseure sind grösstenteils an den gesellschaftlichen Veränderungen mehr interessiert als Schauspieler und Regisseure aus dem Spielfilmbereich», schreibt er an Schildknecht. Das ZFF zieht es dann vor, mit der Konkurrenz zu kooperieren.

Ein «hedonistischer Konsumtempel»?

An der Generalversammlung 2019 eskaliert der Streit zwischen den Kosmos-Gründern. Samir wird aus dem Verwaltungsrat abgewählt. «Es gibt Kräfte, die wollen das Kosmos mit ihren eigenen Anschauungen besetzen oder da­raus einen hedonistischen Konsumtempel machen», sagt Samir kurz danach dem «SonntagsBlick».

2020 schafft er es, wieder stärker im Kosmos mitzureden. Auch unter seinem Einfluss werden fünf Frauen in den Verwaltungsrat gewählt. Er kehrt ins Kosmos zurück und organisiert fortan wieder die Diskussionsreihe «Kosmopolitics».

Über Samirs Rückkehr gibt es im Team grosse Bedenken. E-Mails dazu werden im CC immer auch an die Geschäftsleitung gesendet, «denn das Thema Samir geht über den Veranstaltungsbereich hinaus». 
Eine damalige Verwaltungsrätin lobt ihn zwar: «Als Sparring-Partner und Inputer ist er Gold wert.»

Aber eine andere Mitarbeiterin schreibt: «Da sträubt sich alles in mir.» In einer E-Mail berichtet sie von einer Kollegin, die nahe an einem Nervenzusammenbruch war. Samir habe ihr vorgeworfen, «sie sei nicht mehr so herzlich, wie er sie in Erinnerung habe».

Im Zuge von Samirs Rückkehr verlassen laut mehreren Quellen der Geschäftsführer Martin Roth, die Kinoleiterin Marisa Suppiger, Kommunikationschefin Sarah Bleuler und Veranstaltungschefin Simone Leibundgut das Kosmos. Laut einer Quelle sind über 20 Leute weg, die den Betrieb mitaufgebaut haben.

Eine Veranstaltung zum Buch «Das Blocher-Prinzip» sagt das Kosmos 2021 kurzfristig ab, obwohl schon Plakate gedruckt sind. «Chefideologe Samir agierte aus dem Hintergrund», schreibt Autor Matthias Ackeret auf Persoenlich.com.

Im Frühling 2022 will Samir zurück in den Verwaltungsrat. In seiner Bewerbung, die dieser Zeitung vorliegt, schreibt er: «Seit bald 40 Jahren bin ich mir als Filmemacher und Produzent gewohnt, mich als Team-PIayer dem Ziel eines Projektes unterzuordnen und meine Fähigkeiten bestmöglich einzubringen.» Er sei «mit Schriftstellern wie Lukas Bärfuss oder Sibylle Berg sehr eng bekannt und zum Teil auch befreundet».

Aber Samir kehrt nicht mehr in den Verwaltungsrat zurück. Stattdessen starten Gastronom Valentin Diem und Getränkeunternehmer Roberto Feusi im September als neue Verwaltungsräte – ihre Amtszeit ist aber nur kurz: Am Montag müssen sie den Konkurs des Kosmos anmelden. 71 Mitarbeitende verlieren ihre Stelle. Samir arbeitet derweil an einem Dokfilm über die italienischen Arbeiter in der Schweiz und die Rolle der Gewerkschaften. Er weilt in Rom, weit weg vom implodierenden Kosmos.