Mit ihren Gitarren entzücken Hermanos Gutiérrez die Welt 

Mit ihren Gitarren entzücken Hermanos Gutiérrez die Welt 

Die zwei Zürcher Brüder lassen ihre Instrumente singen. Eine Spurensuche nach dem Geheimnis, warum Estevan und Alejandro mit ihrer Western-Musik so erfolgreich sind. 

«Sonnig», «gut für die Seele», «beruhigend» – so beschreiben Konzertbesucherinnen Mitte Oktober im ausverkauften Zürcher Kaufleuten die Musik der Hermanos Gutiérrez. Die meisten haben die Brüder über Spotify zufällig entdeckt und waren erstaunt, als sie herausfanden, dass es sich um eine Schweizer Band handelt. Die Westernmusik hören sie zum Yoga-Machen, zum Tagebuch-Schreiben oder wenn sie mit Freunden am Esstisch sitzen. 

Die Hermanos Gutiérrez – Söhne eines Schweizers und einer Ecuadorianerin – steigen gerade zu den international am meisten gefeierten Schweizer Bands auf. Dan Auerbach vom berühmten Bluesrock-Duo The Black Keys hat ihr neues Album produziert. Eine grosse Tour in den USA steht an. Und dabei spielen die Brüder «nur» Gitarre – kein Schlagzeug, keine Electronica, kein Gesang. Ziemlich antiquiert. 

Der Grossvater hat sie inspiriert 

Um herauszufinden, was das Geheimnis der Hermanos ist, treffen wir sie vor dem Konzert im Kaufleuten zum Gespräch. Estevan Gutiérrez (40) hat die Haare zu zwei Zöpfen gebunden, trägt viele Ringe und hat sich ein Pferd auf den Handrücken tätowiert. Sein Bruder Alejandro, acht Jahre jünger, mag es schlichter: beiges Hemd, ikonischer Schnauzer. 

Angefangen hat alles vor sechs Jahren in Alejandros WG beim Zürcher Kreuzplatz. Estevan kehrte gerade von einem Jahr in Ecuador zurück, besuchte den kleinen Bruder und brachte seine Gitarre mit. Als sie zusammen spielten, schaute ein Mitbewohner zur Tür herein und fragte: «Von wem ist das? Klingt megaschön.» Es war ein Song, den sie gerade improvisiert hatten. Die Liebe zu alten Latin-Vinylplatten verbindet die beiden. Eine Band wollten sie nie werden – doch sie trafen sich immer wieder und ergänzten gegenseitig ihre Gitarrenmelodien. Und irgendwann waren sie die Hermanos Gutiérrez, inspiriert von den Hermanos Lebrón, fünf Brüdern aus Puerto Rico, die in den 70ern als Salsa-Band auftraten.

Musik wie diese haben Alejandro und Estevan Gutiérrez jeweils als Kinder in den Sommerferien in Ecuador gehört. Alejandro erinnert sich, wie sie als Kinder am Flughafen ankamen und von mehr als zehn Leuten abgeholt und umarmt wurden, «scheinbar alles unsere Verwandten». Hochemotional sei das gewesen, obwohl sie sich gar nicht gut kannten. «Estevan und ich wurden dann auf der Ladefläche des Pick-ups platziert», sagt Alejandro. Das sei nicht sicher gewesen, aber aufregend.

Die wichtigste Bezugsperson für die beiden Brüder war der Grossvater. «Er hat uns gezeigt, dass es okay ist, zu weinen», sagt Estevan, «dass es wichtig ist, verletzlich zu sein, weil man sich dann selbst spürt.» Manchmal habe der Grossvater vor ihnen «brüelet», wenn er die Liebeslieder von Julio Jaramillo hörte. «Hemos jurado amarnos hasta la muerte», singt der Ecuadorianer etwa. «Wir haben uns geschworen, uns bis zum Tod zu lieben». Nicht unromantisch.

Das Gefühl «cariño»

Wenn der Opa Musik empfiehlt, dann bleibt einem diese. Für die eigenen Songs der Hermanos Gutiérrez ist die Melancholie von Jaramillo noch immer eine Inspiration, sowie auch das Lebensgefühl, das sie in Ecuador aufsaugten. «Cariño» nennt es Alejandro, ein Wort, das es auf Deutsch so nicht gibt und sich irgendwo im Dreieck zwischen Nähe, Liebe und Wärme einordnet.

Dieses «cariño» verbreiten die Hermanos mit ihren Gitarrenmelodien. Sie reizen die Sehnsucht und das Fernweh stärker, als jedes Bild es je könnte, das als Werbung von Fluggesellschaften im Browser aufploppt. Denn die Zuhörerinnen können zu den Melodien der Gebrüder Gutiérrez ihre eigenen Bilder entstehen lassen und werden auch nicht durch störende Lyrics eingeengt. Die Musik der Hermanos Gutiérrez ist für Erwachsene wie das weisse Rauschen, das Babys beim Einschlafen hilft und ihnen den Blutfluss des Mutterleibs vorgaukelt. Es ist ein Soundteppich der Sehnsucht. 

Und diesen hatte anscheinend ein ganzer Planet während der Pandemie nötig. In vier Jahren produzierten die Hermanos Gutiérrez vier Alben, spielten kleine Konzerte in Zürich und waren nur einer Nische bekannt. Dann fand die Musik über Spotify immer mehr Fans – und plötzlich rief Produzent Dan Auerbach aus Nashville an. Über verschiedene Label-Manager gelangte eine Aufnahme von «El Jardin» zu ihm, dem ersten Musikvideo der Hermanos Gutiérrez, bei dem sie in Berlin in einem Garten sitzen. Es hat ihm gefallen.

Und so nahmen Estevan und Alejandro mit ihm «El Bueno y El Malo» in den USA auf. Bei einem Stück spielt Dan Auerbach selbst mit. «Tres Hermanos» heisst der Song. Auerbach wurde von den Gebrüdern Gutiérrez sozusagen zum Bruder geschlagen.

Das Schweigen der Brüder

Über die Zusammenarbeit mit dem Star und die Sehnsucht nach Ecuador erzählen Estevan und Alejandro Gutiérrez beim Gespräch sehr gerne. Über ihr Leben vor der Musik weniger. Es scheint, als wollten sie den Kakteen-Wüsten-Mythos ihrer Musik aufrechterhalten und ja nichts preisgeben, was davon abweicht. Dazu passt auch, dass sie die natürlichen Gesprächsbilder, die eine Fotografin im Kaufleuten schiesst, im Nachhinein nicht publiziert haben wollen. Die inszenierten Fotos in Südamerika passen da besser ins Konzept der Hermanos.

Unten beim Merch-Stand pflegt ihr Team derweil weiter das Image des Duos. Viele Besucherinnen kaufen sich im Kaufleuten schon vor dem Konzert ein Plakat. Darauf zu sehen sind die in der Schweiz aufgewachsenen Musiker in bester Cowboy-Comic-Manier. Sie spielen in der Wüste Gitarre, während von hinten bewaffnete Männer auf Pferden antraben. In einer Sprechblase sagt Alejandro auf Spanisch zu seinem Bruder: «Es kommen noch mehr, was sollen wir tun, Bruderherz?». Sein älterer Bruder antwortet: «Kleiner Bruder, es ist an der Zeit, guten altmodischen Latin-Rock zu spielen.»

Der Wunsch nach einer Matratze

Und das machen sie später auch im Kaufleuten. Als Bühnenbild genügt eine schwarze Box, aus der eine Mischung aus Maiskolben, Stachel-Dildo und Kaktus wächst. Estevan hat sein Baseball Cap im Backstage-Bereich gegen einen Fedora-Hut mit gerader Krempe getauscht und spielt Gitarre. Alejandro legt sich die Lap-Steel-Gitarre auf den Schoss, die mit ihrem singenden Klang an Spaghetti-Western erinnert.

Keiner der Hermanos singt, und doch erzählen sie Geschichten. Viele Konzertbesucherinnen schliessen die Augen. Es sind Menschen jeglichen Alters im Kaufleuten. Eine Frau hat ihre betagte Mutter zum Geburtstag eingeladen. Ein Mann erzählt, dass sogar seine Kinder die Hermanos gut finden.

Das ältere Stück «Hijos del Sol» erinnert ans Aufstehen in einer Ferienwohnung im Süden, Orangensaft auf dem Balkon. Und schon läuft man in den Gedanken ans Meer hinunter, obwohl man eigentlich dicht gedrängt im Zürcher Kaufleuten steht und draussen der Winter naht.

Und kurz bevor die Musik zu sehr an eine Strandbar erinnert, spielen die Hermanos schon «Los Chicos Tristes», das sie ihrem Grossvater widmen. Die Saiten schwingen jetzt belegter, in den Gedanken kommt man aus den Ferien zurück, sitzt zum ersten Mal wieder allein im Zimmer und muss damit zurechtkommen.

Einen Klang für diese Gefühle zu entwickeln, und das nur mit zwei Gitarren und ein paar geloopten Congas – das machen die Hermanos Gutiérrez wirklich meisterhaft. Doch dieses Sehnsuchtsrauschen stehend im Konzertsaal zu erleben, ist auch anstrengend. Alle Lieder haben einen ähnlich schleppenden Takt, der träge macht. «Bisch scho am Ischlofe?», fragt eine Konzertbesucherin ihre Freundin zwischen zwei Songs. Sie ist nicht die Einzige, die sich im Kaufleuten eine weiche Matratze wünscht, um wegzuschweben. 

Text im Tages-Anzeiger